Test: Räder mit Alfine-Nabe (5/2016)

Brave Arbeiter: Alfine-Räder 2016

02.11.2016 Jochen Donner - Shimanos Alfine-Naben sind in der Mittelklasse konkurrenzlos. Äußerlich unterscheiden sich die 8- und 11-Gang-Nabe kaum. Erst ihr Innenleben bestimmt, welches Getriebe wo überzeugen kann.
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© Daniel Simon

Am Beginn der modernen Schaltnaben-Renaissance stand Shimanos Nexus Inter-8. Diese neue 8-fach Nabe war sportlich ausgelegt, einfach bedienbar, langlebig, wartungsarm – und dennoch preisgünstig. Daraus haben die Japaner drei Jahre später eine edlere Version abgeleitet: Auftritt Alfine, der erstmals eine eigene „Gruppe“ spendiert wurde – also Schalthebel, Kurbeln, später Nabendynamo und Scheibenbremsen, in abgestimmtem Design und in vergleichbarer Leistungsklasse. Das schicke Erscheinungsbild der Alfine-Gruppe hat erheblich dazu beigetragen, dass sich einstmals brave, wartungsarme Nabenschalt-Räder zu begehrenswerten Lifestyle-Objekten mausern konnten.

Die Alfine 8 nutzt weitgehend dasselbe Getriebe wie die Nexus, ist jedoch deutlich moderner verpackt: Sie steckt in einem glänzenden Alugehäuse und besitzt eine Scheibenbrems-Aufnahme. Die Achter läuft in einer internen Fettpackung, die bei einer Inspektion alle ein bis zwei Jahre erneuert und das ausgebaute Getriebe ins Ölbad getaucht werden sollte. Ihre Gangsprünge liegen unregelmäßig zwischen rund 14 und 18 Prozent. Diese Lücken sind nicht so sehr störend, doch zwischen den vielgenutzen Gängen 5 und 6 liegen ganze 22,2 Prozent: Das ist spürbar und kann den „Flow“ unterbrechen. Die Gesamtübersetzung beträgt 307 Prozent. Für die Primärübersetzung von Kettenblatt zu Ritzel gelten Limits: Das Verhältnis der Zähnezahlen soll zwischen 2 und 2,25 liegen. Das entspricht zwei bis drei Zähnen Unterschied bei der Ritzelwahl. Dies, um die eingeleitete Tretkraft zu begrenzen und das Getriebe nicht zu überlasten. Mit nur ein, maximal zwei Berggängen ist die Alfine 8 keine Empfehlung für häufige, starke oder lange Steigungen. Gepäckzuladung reduziert ihre bergtauglichen Gänge auf schlicht einen. In ebener Umgebung bewegt man sich bei flotter Fahrt meist in Gang 6 oder 7. Für hügelige Topografien ist das zu wenig. Deshalb, und wohl auch, um die Lücke zur universeller übersetzten und extrem langlebigen Rohloff-Nabe etwas zu verringern, konstruierten die Shimano-Ingenieure die größere Alfine11 von Grund auf neu.

Schickes Alfine-Design mach Räder mit Nabenschaltung wieder sexy

Die 11-Gang-Alfine erschien im Jahr 2011 und schaltet mit teilweise schrägverzahnten Getriebe – im Unterschied zum geradverzahnten 8er-Getriebe ließen sich dadurch offenbar Schalteffizienz, Laufruhe und Langlebigkeit steigern. Zudem, auch das eine Neuheit, läuft das 11er-Getriebe in einem Ölbad. Deshalb werden ein erstmaliger Ölwechsel nach 1000, die folgenden alle 5000 Kilometer oder zwei Jahre nötig. Die Alfine 11 startet im ersten Gang mit derselben Übersetzung wie die 8-Gänger. Eine Untersetzung ist bei beiden Naben nicht möglich. Die Gänge der Alfine 11 folgen jedoch enger und regelmäßiger aufeinander als bei der kleinen Schwester. Das Spektrum umfasst 409 Prozent und springt in Stufen zwischen 13 und 14 Prozent, außer von Gang eins zu zwei. Dort schlägt der große Schaltschritt (29,2%) nicht so stark zu Buche, da man sich dort selten länger aufhält. Der größte Gang der Achter entspricht etwa Gang neun der Elfer. Bei ihr folgen noch zwei schwere Gänge obenauf. Auch die Alfine 11 ist also nicht für Bergziegen gemacht. Doch durch ihre engere Gangstufung bleiben mit Gepäck etwa zwei, ganz ohne Last drei „Berggänge“, je nach Steigungsprozenten. In der Ebene pedaliert man in Gang 8 als meistgenutztem Arbeitsgang.

Auch hier gelten Grenzen für die Primärübersetzung: Um Überlast auszuschließen, gilt für das Verhältnis Kettenblatt zu Ritzel Faktor 1,8 bis 2. Fast alle Testräder halten diese Grenzen ein. Das Raleigh liegt zwei, das BMC acht Hundertstel über den Limits. Das stresst die beiden Getriebenaben zwar mehr als erwünscht. Die Limits beinhalten immer ein gewisses Sicherheitspolster, sodass wir diese geringen Überschreitungen für tolerabel halten.

Fazit Testfahrt: Oft spielt es keine Rolle, ob 8 oder 11 Gänge in der Nabe stecken

Die Alfine 11 kann etwas leichter primärübersetzt werden als die 8, doch eine Überzahl an schweren Gängen bleibt. Im Vergleich fährt man mit der 11 um etwa einen Gang variantenreicher den Berg hinauf, mit gut zwei Schnellgängen mehr bolzt man anschließend zu Tal. Gleichzeitig lässt ihre engere Gangfolge nicht so große Drehzahl-Lücken, sie fährt sich daher auch biomechanisch etwas flüssiger, weil anpassungsfähiger. Für die 8 ergeben sich als Schwerpunkte vorwiegend ebenes Terrain mit nur geringen und kurzen Steigungen, sowie Alltags- und Kurzstrecken ohne Reisegepäck. Die große Schwester Alfine 11 darf man dagegen als rundum tourentauglich und ein wenig steigungs-freundlicher bewerten. In den Alpen wäre sie nicht ideal eingesetzt, aber man kann selbst dort mit ihr zurechtkommen. Gepäckbeförderung macht sie ohne weiteres möglich, bei unbeladenen Bike schafft man sogar knackige Anstiege noch ganz anständig.

Ein idealer Partner für Nabenschaltungen ist der (fast) wartungsfreie Riemenantrieb: Die Hälfte unserer Testräder verzichtet auf eine ölige Kette. Ein Mehrpreis für den Riemen lässt sich nur schwer abschätzen. Riemen und Ritzelscheiben kosten rund 250 Euro mehr, doch hohe Kosten entstehen auch beim Rahmenbau: Die Sitzstrebe muss teilbar sein, der Hinterbau muss exakter und verwindungssteifer gefertigt werden. Unser günstigstes Riemenrad ist das Raleigh mit 1399 Euro. Das preiswerteste Testrad insgesamt stammt von Rabeneick, fährt mit Kette und kostet 1000 Euro. Das teuerste Rad mit 3189 Euro kommt von Utopia: Es fährt mit Kette! Hier wirken eher der aufwändige Rahmen, niedrige Stückzahlen und viele eigene Zubehörteile als entscheidende Preistreiber.

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