Test: MTB_Hardtails (2/2017)

Hart kalkuliert – Hardtails unter 1500 Euro

30.06.2017 Ludwig Döhl - Hersteller und eingefleischte Biker sind sich einig. Rund 1500 Euro muss man heute in ein solides Einsteiger-Mountainbike investieren. Neun Hardtails mussten in dieser Klasse beweisen, wer die Nase vorne hat.
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© Daniel Simon

Für die Fahrt zum Biergarten sind die Testkandidaten eher zu schade. Diese Disziplin meistern alle mit Bravour. Deutliche Unterschiede zeigten sich jedoch bei der Ausfahrt ins Gelände. Zwar sind diese Räder für den Einsatz auf leichten Singletrails konzipiert. Kleine Querwurzeln, schnelle Richtungswechsel und fiese Gegenanstiege bringen aber so manchen Testkandidaten ins sprichwörtliche Schlingern.

Einsteiger-Hardtails liegen bei ca. 12 Kilo Gewicht

Dabei prahlen die Kontrahenten beim ersten Zusammentreffen im Testlabor der BIKE-Kollegen noch um die Wette. Im Durchschnitt besitzen die Alu-Rahmen eine deutlich höhere absolute Steifigkeit als die Top-Carbon-Hardtails aus dem BIKE-Test in Heft 1/2017. Und das, obwohl alle Räder das Hinterrad nur mit einem herkömmlichen Schnellspanner, anstelle einer Steckachse, klemmen. Vor allem schwere Fahrer dürfte das freuen, denn die Rahmen verwinden sich selbst bei hoher Belastung kaum. Dass die Einsteiger-Bikes den Rennfeilen beim Gewicht nicht das Wasser reichen können, ist klar. Aber die durchschnittlichen zwölf Kilo ohne Pedale gehen angesichts der Preisdifferenz von mehreren 1000 Euro in Ordnung. Bulls lässt, dank kleineren und daher auch leichteren 27,5-Zoll-Laufrädern, den Zeiger der Waage sogar bei nur 11,42 Kilo verharren. Das Canyon wiegt trotz 29er-Laufräder gerade mal 50 Gramm mehr.

11-fach gehört zum neuen Standard

Im Gegensatz zum Vorjahr gehören 2017 elf Ritzel an der Kassette zum Standard in dieser Preisklasse. Dreifach-Kurbeln scheinen dagegen selbst in der Einsteigerklasse ausgestorben zu sein. Fast alle Hersteller mixen Shimanos neue 11fach-SLX-Gruppe mit einigen XT-Anbauteilen, 2fach-Kurbeln und unterschiedlichsten Shimano-Bremsen. Nur Giant verbaut eine komplette XT-Gruppe. Ungewöhnlich: Canyon bietet seinen Kunden als einziger noch eine Shimano-2x10-Schaltung mit Deore-Kurbeln an. Dem Image des gut ausstattenden Versenders werden die Koblenzer damit nicht ganz gerecht, wobei der Preisunterschied von 300 Euro den Sparkurs entschuldigt. Drössiger geht mit seinem Trailhardtail sowieso eigene Wege und verbaut nicht nur eine 1x11-NX Schaltung von Sram, sondern auch eine Rockshox-Reba-Gabel mit 120 Millimetern Federweg. Der Singletrail soll so noch mehr Spaß machen. Aber zahlen sich die langhubigen Gabeln im Gelände tatsächlich aus?

Weil bei den Test-Temperaturen eine Einkehr in den Biergarten sowieso nicht zur Debatte stand, gaben wir den Hardtails auf einer Runde mit vielen artgerechten Singletrails die Sporen. Schnelle Kurven, kleine Anlieger, rumpelige Wurzelpassagen, dazu Anstiege auf Schotter- und Waldwegen. So manches Test-Bike kapitulierte bereits nach dem ersten Schotteranstieg, während andere im verwinkelten Singletrail erst richtig aufblühten.

Kandidaten wie Giant, Ghost, Canyon oder Bulls langweilen sich regelrecht auf breit planierten Forstwegen. Diese Sportgeräte kommen mit wenig Gewicht und stimmiger Geometrie auf leichten Trails erst richtig in Stimmung. Selbst kleine Sprünge in der Abfahrt können das Quartett im Kampf um den Testsieg nicht stoppen. Wobei das Bulls mit seinen kleinen Laufrädern etwas mehr Einsatz vom Fahrer verlangt, um die Abfahrten ähnlich schnell zu bewältigen wie die Konkurrenten auf großen Laufrädern. Große 29er-Laufräder rollen nach wie vor besser über Hindernisse und geben gerade Einsteigern ein angenehmes Gefühl von Sicherheit. Bergauf müssen sich die großen Laufräder dem leichtfüßig beschleunigenden Bulls aber klar geschlagen geben. Hier bleibt neben einer gelungenen Geometrie das Gewicht der wichtigste Parameter. Etablierte Marken wie Merida, Centurion oder Cannondale enttäuschen im direkten Vergleich. Zwar kommen die Bikes um die Runden, verhindern aber mit jeweils einer „Achilles-Ferse“ den ultimativen Fahrspaß. Cannondale stattet seinen hochwertigen Rahmen mit zu günstigen Anbauteilen aus, Centurion patzt bei der Geometrie, und im Merida zickt die günstige Rockshox-30-Gabel. Stevens schlägt sich trotz hohem Gewicht gut und platziert sich, auch dank der breiten Felgen, im Mittelfeld.

Drössiger schweift mit seinem Trailhardtail etwas vom Mainstream ab. Der zusätzliche Federweg an der Gabel bringt, wie auch bei Canyon, spürbar mehr Sicherheit bergab. Beide Bikes scheuen mit mehr Reserven auch vor höheren Geschwindigkeiten nicht zurück. Allerdings büßt das Drössiger mit einer 1x11-Schaltung einige Punkte bei der Touren-Tauglichkeit ein. Das kleine 30er-Kettenblatt zwingt einen zum hochfrequenten Tritt auf der Geraden. Neben dem Fahrwerk sind die Reifen die wichtigste Komponente, um Fahrspaß und Sicherheit im Gelände zu generieren. Hochwertige Karkassen wie sie Schwalbe-Evolution-, Continental-Race-Sport- oder Maxxis-Exo-Reifen haben, sorgen für deutlich mehr Komfort beim Ritt über Wurzelfelder und bauen in Verbindung mit dem Profil auch in schnellen Kurven mehr Grip auf. Schmale „Teerschneider“ mit Drahtbauweise, verbaut am Cannondale, haben im Gelände nichts verloren.

Die Preisgrenze von 1500 Euro zwingt die Hersteller zu Abstrichen. Details zeigen, wo günstige Lösungen Sinn machen und wer an der falschen Stelle spart.

Alles in allem gibt es genügend Hardtails, die auch unter der Preisgrenze von 1500 Euro eine ordentliche Leistung abliefern. Der Test bringt jedoch auch die Schwächen so manches Kandidaten zum Vorschein. Wer über einen Kauf nachdenkt, wird sowohl im Fachhandel als auch im Internet fündig. Wenn die Temperaturen demnächst wieder steigen, ist man mit diesen Bikes gut gerüstet für eine echte Mountainbike-Runde. Und wer weiß: Am Ende von so manchen Singletrails findet sich dann doch noch ein Biergarten, für die Erfrischung danach.


Der komplette Artikel stand in Trekkingbike-Ausgabe 2/2017. Sie können die Ausgabe in der Trekkingbike-App (iTunes und Google Play) laden oder im DK-Shop  bestellen.

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