Test: Hochwertige Reiseräder (4/2016)

Nur vom Feinsten: Reiseräder fürs Leben

05.10.2016 Jochen Donner - Reiseräder erschließen wilde Landschaften, sie bringen den Radler bis ans Ende der Welt. Ihre Technik ist daher besonders anspruchsvoll. Doch die mausert sich, gerade deshalb, zum Zukunftslabor der Fahrradentwicklung. Wir haben getestet, was derzeit Stand der Technik ist: acht Super-Reiseräder ohne Preislimit.
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© Ellen van Drunen

Ein Anblick wie im Schlaraffenland: Noch nie war ein TREKKINGBIKE-Testfeld so prunkvoll. Alle acht Highend-Reiseräder strotzen vor Super-Technik – „super“ hier im Sinne von „übermäßig, überlegen, hervorragend“. Wir hatten eine kleine, aber feine Schar renommierter, als innovationsfreudig bekannte Radhersteller eingeladen, ihre absoluten Top-Reiseräder zum Test einzureichen.

Super Reiseräder vom Randonneur bis zum Fatbike

Das Kandidatenfeld ist deshalb weit gespreizt: Vom schlanken Asphaltrenner bis zum wuchtigen Fatbike, vom vollgefederten Titanrahmen bis zum klassischen, handwerklichen Stahlrahmen. Es finden sich sämtliche derzeit aktuellen Antriebsarten, aber auch Reifen- und Laufraddimensionen. Kurz: Jedes Rad ist anders. So verwundert es nicht, dass auch die Einsatzbereiche weit auseinander liegen.

Der Norwid-Randonneur ist ein Langstreckentourer für gute Asphaltstraßen, beispielsweise auf epischen Routen durch Südfrankreich, oder zum „Pässesammeln“ in den Alpen. Das Rennstahl dagegen punktet als Spezial-Gefährt für unwegsames Terrain. Einer seiner Besitzer ist damit im Februar 2016 das „Rovaniemi 150“ gefahren, ein Winterrennen am finnischen Polarkreis. Doch auch das Feld zwischen diesen Extremen ist interessant, denn es ist ein weites. So empfiehlt sich das Travelmaster 2.9 von Santos als rollfreudiger, super-robuster Packesel für interkontinentale Touren unter harten Bedingungen. Wer es luxuriöser mag, findet im Idworx Opinion einen komfortorientierten Begleiter voller Reserven für Touren rund um den Globus. Dort liegt auch der Fokus des Tout Terrain: ein Reiseradkonzept, das klassischen Stahl mit ausgefeilter Vollfederung für schwere Strecken vereint. Technisch simpler, aber nicht weniger robust und stabil, legt auch Velotraum mit dem Finder ein schlüssiges Konzept vor für lange oder kurze Pedal-Abenteuer. Sportlich orientierte Fahrer freuen sich, mit dem Offroad geeigneten Crosser von Salsa Mittelgebirgs-Reviere zu erschließen: der perfekte Forstweg-Renner.

Charakteristisch im Hochpreis-Segment sind exquisite Rahmenmaterialien:

Edelstahl- und Titanrahmen gelten als fast unzerstörbar. Sie sind absolut rostfrei, schlagresistent und von hoher Festigkeit. Die Rahmen von Rennstahl und Norwid bestehen ganz aus dem rostfreien, kratzfesten Edelstahl. Tout Terrain fertigt den besonders belasteten, integrierten Gepäckträger damit. Setzt man die Materialeigenschaften klug ein, lässt sich das hohe Elastizitätsmodul von Titan sogar zur Vibrationsdämpfung nutzen. Idworx, Salsa, aber auch der Schweizer Spezialist Hilite greifen deshalb trotz eines erhöhten Fertigungsaufwands zu Titan am gesamten Rahmen. Für das harte Material benötigt man gehärtete Werkzeuge und muss es unter Schutzgas verschweißen, um Oxidation durch Luftsauerstoff zu vermeiden.

Hilite nutzt das elastische Metall sogar, um das Hinterrad seines superleichten Titan-Tourers gelenklos zu federn. Ähnlich verwendet Rennstahl das teure Material: Um den Spagat zwischen stabil und komfortabel zu schaffen, besteht die Titan-Gabel aus einer geschmiedeten Krone, ovalisierten und innen wie außen konifizierten Holmen, die sich erst unterhalb des Lowrider-Gewindes verjüngen und so über einen definierten Flexbereich verfügen. Eine Steckachse hilft, die Konstruktion in Bezug auf Scheibenbrems-Position, Lenk-, Brems-, Gepäckeinflüsse auszusteifen. Der Vorzug vergrößerter Durchmesser ist, dass die Biegesteifigkeit dadurch exponential zunimmt. Eine Erhöhung der Wandstärke versteift dagegen nur linear. Das gilt für Steckachsen, aber auch beim Rahmenbau. Deshalb finden wir hier generell voluminöse, oversized Steuer-, Ober und Unterrohre, Hinterbauten, konifizierte Gabelschäfte oder eben Steckachsen, teils in leichtestmöglicher Form mit Feingewinde statt Schnellspann-Sicherungen. Praktisch, dass SON schnell auf diesen Trend reagiert hat und mit dem SON 28 15 einen Nabendynamo für Steckachse (Idworx), mit der Version SON 28 15 150 sogar eine überbreite Variante für Fatbikes (Rennstahl) baut. Im Testfeld herrscht eine riesige Bandbreite an Laufrad- und Reifendimensionen. Die Maxime: breit ist besser. Als besonders vielseitig überzeugen da Idworx und Velotraum.

Beide kombinieren Breitfelgen mit 40 Millimetern Hakenweite und Reifen von 70 Millimetern Breite. Nur so stützt sich ein Breitreifen mit Nieder-Druck stabil ab, ohne „suppig“ zu werden. Die Laufräder bleiben trotz der fetten Pneus noch universell einsetzbar, mit einem großen Schuss Extra-Sicherheit fürs Grobe.

All die ausgefeilte Super-Technik macht unsere Testräder schier unbezahlbar. Hoher Aufwand und niedrige Stückzahlen fordern ihren Preis. Das Schöne daran: Die Technik wird, peu à peu, in niedrigere Preisgruppen abwandern. Das weckt Interesse und Vorfreude. Unser Einblick ins Schlaraffenland ist gleichzeitig ein verheißungsvoller Blick ins Zukunftslabor der Fahrradtechnik.

Die Super-Reiseräder im Test:

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