Einzeltest: HP Velotechnik Scorpion fs 26 (3/2017)

Perspektivenwechsel – Touren-Trike von HP Velotechnik

26.07.2017 Jochen Donner - Als Touren-Trike legt das Scorpion fs 26 seinem Fahrer die Welt zu Füßen: Die Aussicht im Rad ist ein 180°-Panorama in Farbe. Doch auch sonst hält das ungewöhnliche Radkonzept Überraschungen parat.
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© Daniel Simon

Ist das ein Ausblick! Die volle Breitseite, freies Gesichtsfeld von links bis rechts auf einem Fahrrad; das ist speziell. Die Welt wird plötzlich riesengroß. Ungefähr aus der Perspektive eines Dreijährigen – oder, für Kinderlose: einer Dogge – blickt der Trike-Fahrer seiner Umwelt entgegen. Andere Radler, Fußgänger und Autofahrer inbegriffen.

Schnell merkt man dann: Die City ist nicht das richtige Revier.

Schmale, gewundene Landstraßen, gute Wald- und Wiesenwege, Überland-Radwege: Da läuft es störungsfrei und das Dreirad-Fahren wird zum Genuss. Durch die tiefe Go-Kart-Sitzposition zwischen den Rädern greifen die Querbeschleunigungskräfte in Kurven voll, unwillkürlich spannt sich der Körper stärker zwischen Pedal und Sitzschale. Bei entsprechendem Speed kann man zusehen, wie das kurvenäußere Vorderrad in die Federung taucht, das innere sich im Extrem von der Fahrbahn hebt. Wilde Fahrmanöver sind möglich, da der Scorpion extrem satt auf der Straße liegt. Sein langer Hinterbau und die aufwändig gebaute Vorderachse machen Lenkung und Fahrt weitgehend laufruhig. Ausnahme: Die Sitzposition erfordert schnelles Pedalieren mit hoher Kadenz. Dabei tendieren Schulter und Arme des Fahrers zum Gegenpendeln. Liegen die Hände nur locker am Lenker, überträgt sich dies auf die Vorderräder, die dann leicht unruhig mitkurven.

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© Daniel Simon
Bei eingem Lenkeinschlag stellen sich die Vorderräder schräg.

Überhaupt erfordert das Trike eine Eingewöhnung vom Fahrer: Man tritt nach vorn und nicht wie üblich nach unten, das Körpergewicht wird aus der Bewegung genommen. Im Sitz fühlt sich das äußerst bequem an. Doch das Pedalieren mit gehobenen Beinen beansprucht Muskeln und Halteapparat anders als gewohnt: Vier bis sechs Wochen etwa, dann sollte sich der Körper völlig auf die veränderte Belastung eingewöhnt haben. Hauptsächlich auf die Gesäßmuskeln soll diese Art zu treten einen intensiven Trainingsreiz ausüben, sagt Pressemann Alex Kraft mit leichtem Schmunzeln.

Die Lenkergriffe stehen senkrecht und kommen von unten; so hat man Schaltdrehgriffe und Bremshebel der beiden Vorderräder ergonomisch angenehm in der Hand. Hinten braucht’s keine Bremse, da der Schub über die Vorderräder vollständig und effektiv per Mechanik-Discs abgefangen wird. Intuitiv greift man beide Hebel gleich stark. Auch eine Feststellbremse gegen Wegrollen ist hier integriert.

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© Daniel Simon
Das 26 Zoll Hinterrad ist in einer gefederten Schwinge aufgehängt.

Die Federbeine vorn sowie der Stahlfeder-Dämpfer der Eingelenk-Schwinge am Hinterbau lassen sich per Vorspannung auf das Fahrergewicht abstimmen. Dann filtert das hervorragende Fahrwerk zuverlässig alle Fahrbahnrumpler aus. Die Reisegeschwindigkeit fühlt sich durch die veränderte Perspektive und Schwerpunktlage rasanter an als auf dem Normalrad, dürfte jedoch nicht allzu viel über der gewohnten Marke liegen, wie Vergleichsfahrten gezeigt haben. Das größte Potenzial des Scorpion liegt also in autofreien Pendlerstrecken oder genussvollen Langtreckentouren, gerne mit Reisegepäck. Zwei übliche Ortlieb Backroller hängen direkt hinter dem Schalensitz im Windschatten und beeinflussen das Fahrverhalten außerordentlich wenig. Die negativen Einflüsse hoher Zuladung sind nirgends so niedrig wie an diesem Trike. Zudem ist der Träger so montiert, dass er mitgefedert wird. Bei einem Blindtest bemerkte ein Testfahrer die zunächst vorhandene Zuladung von 22 Kilo sogar erst, nachdem sie abgenommen war. Wer ein Trike sein eigen nennt, benötigt jedoch ebenerdige Stellfläche: Zwar lässt sich das Scorpion fs mit wenigen Handgriffen teilzerlegen und der Rahmen falten; Auto- oder Bahntransport ist so durchaus machbar. Doch fürs tägliche Ein- und Ausparken ist genügend Platz erforderlich. Rangieren geht in der Praxis relativ einfach, solange das in der Ebene passiert: Man kann sich meist an einem festen Gegenstand einige Zentimeter rückwärts abstoßen, um in drei Zügen auf engem Raum zu wenden.

Fazit:

Trike fahren macht Spaß! Dynamik und Kurvenfreudigkeit des Tiefliegers sind überwältigend. Nach einiger Zeit körperlicher Eingewöhnung machen lange, verkehrsfreie oder -arme Strecken ohne viele Höhenmeter, dafür aber gern mit Gepäck, am meisten Sinn. In die Stadt gehört das Trike nicht: Fahrbare Geschwindigkeit und Platzbedarf sind zu groß, die Sichtbarkeit im dichten Verkehr zu gering.


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